Autorin und Leichenpräparatorin Judith Brauneis beim Signieren ihres Buches im Bürgersaal Oberding.
Der Autor Peter Waldbauer hat schon mehrere Bücher zum Thema „Bestattungen“ verfasst und lässt kein gutes Haar an den „merkwürdigen und skurrilen Typen, die in der Pathologie anzutreffen seien.“
„Jegliches Gespür für Anstand ist dort abhandengekommen und nur ganz grob gestrickte Charaktere eignen sich für diese Arbeit.“ Sogar von „nekrophilen Neigungen, die dort auf legale und gesellschaftlich akzeptierte Weise ausgelebt werden,“ ist da die Rede. Judith Brauneis ist da ganz anderer Meinung. Nein, sie ist sogar sichtlich erbost über solche Aussagen. Die ausgebildete medizinische Präparatorin und Notfallseelsorgerin leitet seit 1998 den Sezierbereich der Pathologie in der Technischen Universität in München. In ihrem Buch „Im Himmel gibt´s Lachs“, das unter ihrem Pseudonym „Frollein Tod“ veröffentlicht wurde, räumt sie auf mit solchen Vorurteilen und erzählt anschaulich und mit einer mächtigen Prise Humor von ihrem spannenden Alltag als Sektionsassistentin und Trauerbegleiterin.
„Unsere tägliche Leiche gib uns heute“
Die Gemeindebücherei hatte zu diesem außergewöhnlichen Abend in das Bürgerhaus Oberding geladen. Wie groß das Interesse am Besuch der Münchnerin war, zeigte der gut gefüllte Saal. Judith Brauneis präsentierte sich im glitzerndem Abendkleid und schwarzen High-Heels. Kaum vorstellbar, dass diese zierliche Lady in den Kellergewölben der TU München tagtäglich leblose Körper auf den Sektionstisch hievt und anschließend „bis zu den Ellenbogen“ in ihnen steckt. Gleich zu Beginn stellt die Autorin klar, dass es in ihrem Buch nicht um spektakuläre Sektionsfälle geht. „Es geht um meine Geschichte“, sagt Brauneis. „Ich möchte Ihnen schöne und nützliche Dinge über den Umgang mit Verstorbenen nahebringen, basierend auf meinen über zwanzig Jahren Berufserfahrung.“
„Schnippeln, schlitzen und studieren“
Einige Textpassagen im Buch wirken erstmal verstörend. Denn nicht selten benennt das Frollein Tod die Dinge direkt beim Namen. „Den Kopf wackeln sehen, als er aufgesägt wurde“ oder „den Schlund packen und so mit einem Ruck Herz und Lunge von der Wirbelsäule zu lösen“ – das möchte nicht jeder live und in Farbe erleben. Und auch Sätze wie „…bei keinem Kind war ich trauriger oder betroffener als bei einem Erwachsenen“ scheinen von einem sehr herzlosen Menschen zu stammen. Bald schon wird jedoch klar, dass sich der Alltag von Judith Brauneis nicht nur um das furchtlose und gefühllose Leichenaufschneiden dreht. In 18 Kapiteln erzählt „die Leichenfrau“ von ihren ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Tod. Von Oma Gertrud, ihrer ersten großen Liebe. Von Trauer und Abschiednehmen in der Pathologie. Von Selbstzweifeln, singenden Engeln und Mitleid. Und nicht selten sind es die etwas verrückten Erzählungen der selbstbekennenden „Party-Queen“, die dem Leser klarmachen, dass Judith Brauneis das Herz am rechten Fleck trägt (ohne das wirklich zuvor pathologisch untersucht zu haben). Sie versinkt gerne in Tagträumen, wird magisch angezogen von alten Friedhöfen, glaubt an Geister, Feen und spricht mit dem Universum. Und sagt ganz klar: „Ja, das Leben mit dem Tod hat mich zu einem besseren Menschen gemacht.“
„Den Tod lieben und trotzdem leben“
Doch am meisten zeichnet Judith Brauneis wohl ihre Fürsorge und Empathie aus, die sie den Verstorbenen – aber vor allem auch den Hinterbliebenen – zuteil werden lässt. Sie haben in ihrem Leben oberste Priorität. Und so kann man sich nach dieser Lesung bildhaft vorstellen, wie das Frollein Tod im kühlem Keller konzentriert ihre Arbeit verrichtet, der armen Seele dabei sanft über die Wange streicht und der sanften Melodie der Herzschrittmacher lauscht. Der Herzschrittmacher? Ja, richtig gelesen. Die sammelt Judith Brauneis alle in einer Kiste. „Die Krankenkassen wollen die gebrauchten Geräte nicht zurück haben. Wegwerfen kann und mag ich sie nicht,“ erklärt die Präparatorin. „Manchmal habe ich das Gefühl, sie spielen eine Melodie für mich.“ Am Ende des Abends stellt eine Damen aus dem Publikum die Frage, woher der Titel des Buches stamme. Die Antwort der charmanten Schriftstellerin: „Ich liebe Prosecco, und ich liebe Lachs. Und ich bin mir sicher, dass im Himmel auf jeden genau das wartet, was er am meisten liebt.“
Judith Brauneis kann es selbst gar nicht fassen, dass ihr mit „Im Himmel gibt´s Lachs“ ein echter Bestseller gelungen ist.
Für Sie berichtete Christine Hofer.













